Kopfkompost

Wir brauchen eine neue Flagge für Deutschland

Jan 14, 2015

Was unsere Wertvorstellungen mit unserer Flagge zu tun haben

Ein halbes Jahr ist es her, dass die deutsche Fußballnationalmannschaft Weltmeister wurde, dass wir Weltmeister wurden. Es war für mich die erste Weltmeisterschaft, bei der ich mich nicht mehr richtig für den Fußball begeistern konnte. So stand ich also nach dem 1:0 mitten auf dem Potsdamer Platz in Berlin und beobachtete das Spektakel mit einer gewissen Distanz. Überall Deutschlandflaggen, geschwungen von Fußballfans. In den letzten Jahren wurde diese Flagge immer mehr zum Symbol des deutschen Sports bei internationalen Turnieren.
Da stand ich also auf dem Potsdamer Platz und fragte mich, ob das vielleicht die WM sei nach der die Flagge nicht wieder in der Fanartikelkiste verschwindet. Aber sie verschwanden, größtenteils, zunächst. Bis ich vor ein paar Wochen die Nachrichten einschaltete und dachte: „Mir ist irgend etwas entgangen, welchen Titel hat sich Deutschland jetzt geschnappt?“. Nicht mal im Traum hätte ich mir vor einem halben Jahr ausmalen können, dass diese Flagge bald für solche Titel geschwungen wird wie:
PEGIDA, BÄRGIDA, LEGIDA, DÜGIDA, SAARGIDA, HAGIDA, KÖGIDA, BAGIDA…

Symbole haben eine zentrale Bedeutung in unserem Leben, aber noch wichtiger als die Symbole sind die Werte, welche wir mit ihnen verbinden. Was hat es zu bedeuten, wenn diese drei Farben so einfach für einen solchen Zweck verwendet werden können.
Es wurde viel gearbeitet mit Symbolen nach dem Zweiten Weltkrieg. Manche Symbole sind verboten worden, andere Symbole wurden geschaffen um für ein neues Deutschland zu stehen, wie zum Beispiel das Grundgesetz, welches zu seinem 65. Jahrestag von Dr. Navid Kermani so treffend thematisiert wurde. Und auch Dr. Kermani stellte fest, dass es mit den Werten nicht ganz so einfach wie mit den Symbolen ist. Unsere Werte leben in uns und wir können sie nur anstreben und versuchen nach ihnen zu leben. Und wenn eine Flagge so schnell für einen Zweck wie Pegida verwendet werden kann, dann scheinen die Werte, für welche die Bundesrepublik Deutschland nach 1945 stehen wollte, nicht besonders tief verwurzelt zu sein. Die Gefahr, welche von Pegida ausgeht, sehe ich nicht primär in der Masse der Demonstranten, sondern in ihrer Existenz und der Bedeutung selbiger, denn Pegida und ihre Deutschlandflaggen gehören zu unserer Gesellschaft dazu. Pegida ist aus unserer Gesellschaft hervorgegangen. Wir sind Pegida. Deshalb geht es hier um die Aushandlung von Normalität, nicht um die Frage nach Extremen in unserer Gesellschaft, sondern um unsere Werte und deren Verwurzelung!

Ich habe Angst vor diesen Werten, ich habe Angst vor meinem Alltag, ich habe Angst vor Fragen wie: „Warum sprichst du eigentlich so gut Deutsch?“ und „Woher kommst du eigentlich?“. Wenn ich mit einem Selbstverständnis auf Grund meiner Hautfarbe von toleranten Menschen nach meiner Herkunft gefragt werde, dann bedeutet Toleranz für mich gerade mal, dass ich hier großzügiger Weise akzeptiert werde und die Frage der Zugehörigkeit ist schon vom Tisch. Ich habe Angst vor meinen Freunden, wenn sie sagen: „Naja, also verstehen kann ich diese Leute schon ein bisschen“. Ich habe Angst, denn es ist für mich ein klares Zeichen dafür, dass das Verständnis von Normalität in eine Richtung verschoben ist, die nicht gut sein kann.
Ich sehe die vielen Gegendemonstranten mit ihren Schildern „Gegen Rassismus“, „Nicht jeder Moslem ist Terrorist“, „Für mehr Vielfalt“, aber ich muss daran zweifeln, dass wir schon das richtige Verständnis für solche Aussagen haben. Vielleicht sollte ich mich mit der größten Deutschlandflagge, die ich finden kann, zu diesen Gegendemonstranten gesellen und schreien: „Diese Flagge gehört uns!“. Warum macht das eigentlich niemand?
Es geht hier um die Aushandlung der Frage: „Gehört der Rassismus zu Deutschland?“.
Kann mal bitte jemand jetzt „JA!“ schreien?!
Warum fragt jetzt niemand nach den Experten und Expertinnen, die seit Jahren sagen, dass der strukturelle Rassismus in Deutschland ein Problem ist. Es ist noch nicht lange her, dass die Aufklärung der NSU-Affäre unser Land in einen großen Schock versetzt hat. Aber die mediale Wirkung des Prozesses ist längst verflogen, während er zu diesem Zeitpunkt im Oberlandesgericht München noch in vollem Gange ist. Warum sieht noch niemand den Zusammenhang? Dabei ist jetzt der Moment gekommen, an dem wir alle realisieren sollten: „Wir müssen uns mit unseren eigenen Werten kritisch auseinandersetzen, auch wenn es weh tut, auch wenn es bedeutet Eingeständnisse zu machen.“ Die Erkenntnis, dass Deutschland ein Problem mit strukturellem Rassismus hat, darf nicht zusammen mit der NSU-Affäre unter den Teppich gekehrt werden! Diese Affäre hat uns allen gezeigt was in unserem Land falsch läuft und ihr Zusammenhang zu Pegida könnte deutlicher kaum sein!

Auch jetzt habe ich wieder das Gefühl auf einem großen Platz zu stehen und das Spektakel zu beobachten. 1:0 für die PatriotischenEuropäerGegendieIslamisierungDesAbendlandes? Was können und wollen wir für einen Ausgleich tun? Ist es unser Bestreben, mehr als einen Ausgleich zu erzielen und werden wir dieses mal erkennen, wann unsere Symbole auch unseren Werten entsprechen?

Panda

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